Für eine integrative Heimat

In den Koalitionsverhandlungen haben sich SPD und CDU-CSU auf ein Heimatministerium geeinigt. Aber was bedeutet Heimat eigentlich in der Debatte um Migration und Flucht?



Das Oktoberferst in München - ist das Heimat? Für unserer Autorin nicht wirklich, obwohl sie in Bayern augfgewachsen ist.


Die Idee eines Heimatministeriums ist nicht neu. Bereits Bayern und Nordrhein-Westfalen haben sich für ein solches Ministerium entschieden, das entweder an Innen- oder Finanzministerien angegliedert ist. Markus Söder (CSU) schuf für sein Ministerium sogleich Zweigstellen im strukturschwachen Franken und NRW-Ministerin Ina Scharrenbach (CDU) bewarb ihr neues Ministerium auf einer „Heimattour“ mit Schlagersänger Heino als „Heimatbotschafter“. Nach bayerischem Vorbild soll nun auf Wunsch der CSU auch auf Bundesebene ein Heimatministerium entstehen. Dadurch würde man den ländlichen Raum stärken und diesen attraktiver machen, denn: „Das Land muss Heimat bleiben“, so Volker Kauder (CDU). Mehr Engagement im ländlichen Raum und in sogenannten „strukturschwachen Regionen“ das klingt zunächst sehr sinnvoll. Aber was hat das Ganze mit dem Heimatbegriff auf sich?


Heimat – Was ist das eigentlich?

Der Begriff der Heimat ist schwer zu definieren, das fällt jede_m auf, der_die sich selbst fragt, was diese denn eigentlich für einen selbst bedeutet. In vielen Definitionen beschreibt Heimat das Verhältnis zwischen Mensch und Raum, also etwa die Beziehung zu dem Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist. Heimat kann aber auch ein sozialer Raum sein und Beziehungen von Menschen in Bekanntschaften, Nachbarschaften, Freundschaften usw. beinhalten. Sicher ist, Heimat hat viel mit Identität, Mentalität, Einstellungen, Weltauffassungen und Kulturen zu tun. Damit steht sie im Gegensatz zur Fremde, so stellte schon Georg Simmel fest, und wird somit in Abgrenzung zu etwas anderem konstruiert. Simmel macht weiter deutlich, dass Heimat „nicht länger als Kulisse verstanden (werden sollte), sondern als Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung“. Heimat ist damit ein Ort, der ein Zuhause und Lebensmittelpunkt ist und Heimatkann damit (aktiv) geschaffen werden!


Aber Heimat ist noch so viel mehr!

Denn nicht nur Orte und soziale Beziehungen prägen das Zuhause, vielmehr nimmt man ein solches mit allen Sinnen, geistig und körperlich auf. Heimat ist emotional. Sie schmeckt und riecht, trägt Geschichte in sich und ist damit sehr individuell.


Für mich ist Heimat deshalb der feuchte Geruch nach Wald, das Knirschen von frisch gefallenem, dickem Schnee unter den Füßen, das Parfum meiner Mutter, Waschmittel, das nach Zitrone riecht, die Sonne im Gesicht, die dicke kuschelige Felldecke an einem kalten Wintertag auf meinem Bett, das tiefe Schnurren eines warmen, weichen Fellknäuels auf dem Bauch, der erste Moment des Eintauchens in einen tiefen, dunklen See, eine Badewanne voller Seifenschaum, ein Katzenschwanz, der sich um meine Füße schlängelt, Marmelade einkochen, die Umarmung eines geliebten Menschen, das Stacheln einer frisch gemähten Sommerwiese im Rücken, das Gefühl, dass die Welt sich noch dreht, die Hand eines Freundes in meiner, der Berg und der Blick ins Tal, die impressionistischen Spiegelungen der Prunkbauten im Spreekanal, Sand zwischen meinen Zehen, der Weg über den Campus meiner Universität, der Stuhl in meinem Stammcafé, der Geruch frisch gedruckter Buchseiten, Preiselbeerpfannkuchen, Sommerregen, das Rufen der Händler im Shuk, die Wolken über Berlin, Kaiserschmarrn, ein Balkon mit vielen Pflanzen, Walderdbeeren, mein kleines grünes Auto, ein selbstgestrickter Pullover, das Geräusch von Regentropfen auf Dachschrägen, kratziger Bart, wenn man sich küsst, Zwiebelkirchtürme, kleine italienische Gassen, Rauschen von Blättern im Wind, Lindenblütenduft, Kirchenglocken in der Nacht, der melodische, echoartige Ruf der Muezzins, der gedämpfte Ton eines Fernsehers im Hintergrund, der Beginn der Tagesschau im Ersten und so vieles mehr.

Heimat ist damit das Zuhause meiner Kindheit, aber auch die vielen Zuhause danach; Heimat ist Glück und Schmerz zugleich, Freiheit und Einschränkung; Heimat ist in Büchern, in Fotos, in Musik, in Menschen, in Erinnerungen… Und doch niemals universell oder an einen Ort oder eine bestimmte Zeit gebunden. Dieses kleine Experiment, darüber nachzudenken, worin sich Heimat für einen selbst manifestiert, kann jede_r für sich selbst ausprobieren.


Warum Heimat etwas Deutsches ist

Bei dem Versuch Heimat in eine andere Sprache zu übersetzten scheitert man oft, denn meist geht dabei etwas an deren Bedeutungsebenen verloren. So lässt sich Heimat beispielweise im Englischen (homeland oder native land) oder Französischen (lieu d’origine oder pays natal) eigentlich nur als Geburtsland übersetzen. Deshalb ist der Begriff allein schon etwas sehr Deutsches.

Auch in der deutschen Vergangenheit wurde immer wieder die Frage aufgeworfen, wer denn nun Deutsche_r sei und was genau zu diesem Deutsch-Sein dazu gehöre. Diese Diskussion ist eng mit dem Heimatbegriff verbunden, denn auch dieser dreht sich um Identität. Nationale Bestrebungen haben der Heimat in der Vergangenheit allerdings noch einmal eine ganz neue Nuance gegeben. Heimat wurde nun das deutsche Vaterland und der Nationalstaat, an beide nicht zu glauben Landesverrat und damit Heimatverrat. Gerade während der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese patriotische Heimatliebe auf die Spitze getrieben zu einem völkischen und rassischen Verständnis der Heimat. Bis heute nutzen Rechtsnationale die Heimat als Kampfbegriff. Heimat ist in ihrem Sinne eine biologische Abstammungsgemeinschaft, aus der sich eine Volkszugehörigkeit und damit im besten Falle auch Staatszugehörigkeit ergäbe.

Welche Folgen ein solcher Heimatbegriff haben kann, sieht man an den jüngsten Anträgen der AfD-Fraktion im Bundestag, die etwa bestimmten Personen die deutsche Staatsbürgerschaft entziehen wollte, weil diese sich ihrer Meinung nach in der Vergangenheit „deutschlandfeindlich“ geäußert hätten. Schon während des Bundestagswahlkampfes warb die Partei mit dem Leitsatz „Unser Land, unsere Heimat“ und „Hol dir dein Land zurück“. Heimat sei also etwas Deutsches, das es zu retten galt vor Neuankommenden und jenen, die nicht diesen Heimatbegriff teilen, die das Altbewährte negativ verändert würden (Die AfD im Bundestag, darüber haben wir uns schon vorher Gedanken gemacht).


Eine neue Deutsche Heimat?

Lange haben sich viele über diese Art der Argumentation mokiert, in den letzten Monaten fällt jedoch auf, dass alle Parteien immer mehr Teile dieser Argumentationslinien übernehmen. In den Koalitionsverträgen der Großen Koalition findet sich, wie Johannes Hillje treffend in DIE ZEIT feststellte, immer mehr die Sprache der Rechtspopulisten. Von einer Willkommenskultur sei nun plötzlich keine Rede mehr. Auf einmal spreche man davon, „Integrationsfähigkeiten“ der Deutschen nicht zu überfordern zu wollen und Migration nach Deutschland deshalb einzugrenzen.


Die Sehnsucht nach Heimat, nach Sicherheit, Entschleunigung, Zusammenhalt und Anerkennung, dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen", sagte Frank-Walter Steinmeier (SPD) in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Heimat müsse mehr sein als „Wir gegen die" und der „Blödsinn von Blut und Boden". Die Rede des Bundespräsidenten wurde überparteilich gefeiert, der Auftrag angenommen, Heimat nun positiv, im eigenen Sinne neu zu besetzten. Aber geht das überhaupt? Erinnert man sich daran, dass der Vorstoß der damaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry das Wort „völkisch“ positiv zu besetzten auf sehr viel Widerstand stieß, so zweifelt man doch an solchen Neuzuschreibungen. Nichtsdestotrotz findet sich nun seit Neuestem in jeder größeren Partei mindestens ein Absatz zu Heimat, welcher Definition genau gefolgt wird, bleibt im Unklaren.


Das Argument, den Begriff „Heimat“ nicht den rechtsextremen Parteien zu überlassen, fruchtet allerdings nicht wirklich. Schon allein deshalb nicht, weil eine Neubesetzung dieses Begriffs nicht durch symbolhafte Einsetzung eines danach benannten und dafür zuständigen Ministeriums stattfinden kann, sondern allein durch sinnvolle politische, integrative Maßnahmen. Das bedeutet, auch eine Diskussion um den Begriff und eine Neuausrichtung der Migrationspolitik scheitert durch halbgare Versuche durch einen Rechtsruck der Mitte-Parteien der AfD Stimmen abzufangen (wie etwa in Form einer restriktiveren Migrationspolitik). Die Forderung nach einer Neubesetzung von Heimat, einem weltoffenen Deutschland und des Ernstnehmens humanitärer Verpflichtungen auf der einen und die Forderung nach einer restriktiveren Migrationsgesetzgebung, bewusste Integrationshemmnisse und Schließung der Grenzen auf der Anderen passen nicht wirklich zusammen. Statt Bestrebungen für eine Gemeinschaft wird hier nur weiter Ausgrenzung betrieben und die rechte Heimat-Auslegung anstandslos übernommen. Aus Bewahren wird dann ganz schnell Abschotten. Offen bleibt auch, welche Art der Heimat das neue Ministerium Neubürger_innen nahebringen möchte. Glaubt man Markus Söder, quasi dem Stammvater des Heimatministeriums und Parteikollege Horst Seehofers, der die Leitung des neuen Ressorts übernehmen soll, dann ist es eine recht migrationsfeindliche: „Diejenigen, die neu zu uns kommen, sollen sich unseren Werte, Sitten und Bräuchen anpassen“ erklärte er noch vor Kurzem, „Berliner Verhältnisse“ wolle man da lieber nicht, sondern eine klare Linie. Die deutsche Vetfassung hat das einst ganz anders vorgesehen, indem sie etwa jede_m Bürger_in eine „freie Entfaltung seiner (ihrer) Persönlichkeit“ zuspricht (vgl. GG Art. 2).


Für ein pluralistisches Heimatverständnis

Ob eine Neuinterpretation des Heimatbegriffs überhaupt möglich ist, das bleibt ohnehin in Frage zu stellen. Haben wir doch alle bei dem kleinen Experiment festgestellt, dass Heimat etwas sehr Individuelles ist und sich schwer in Grenzen pressen lässt. Vor allem dann, wenn wir, der globalisierten Welt folgend, nicht immer nur am selben Ort leben. Malte Lehming erkärt deshalb treffend im Tagesspielgel, das Heimat eigentlich nur im Plural gebraucht werden dürfe – gerade in der Integrations-/Migrationsdebatte: „Auch Flüchtlinge haben Heimaten. Sie fühlen sich denen nahe, mit denen sie über Skype abends in ihren Herkunftsländern reden, mit denen, die sie freitags in der Moschee treffen, vielleicht auch anderen Flüchtlingen aus anderen Herkunftsländern, mit denen sie monatelang auf engstem Raum in einer Unterkunft gelebt haben. Und dann wird ihnen auch Deutschland zur Heimat. Das geschieht ganz automatisch. Denn Heimat, ob im Singular oder Plural, ist nichts, das man vergessen, nichts, das man verdrängen, nichts, das man erzwingen, nichts, das man eintauschen kann gegen eine andere. Es kommen nur immer neue hinzu. Für jeden, überall".


Heimat ist also ein individuelles Konstrukt und jede_r hat viele davon, kaum eine wird je der anderen gleichen – ob man sich nun politisch links oder rechts verortet, ob man in Deutschland geboren ist oder nicht. Der Begriff ist jedoch politisch besetzt – eine Neuauslegung schwierig, schon deshalb, weil Heimat undefinierbar ist. Es ist daher eher sinnvoll, diesen Begriff aus der Politik zu streichen. Er spielt am Ende doch jenen in die Hände, die einem ein klares Heimatbild vorschreiben wollen, das meist wenig mit Offenheit zu tun hat oder jene „Heimatpolitik“ verkommt zu einer rein symbolischen Geste. Auch ohne ein Heimatministerium: Das Gefühl der Heimat bleibt ja immer noch in jede_m bestehen, denn sie haben wenig mit Abstammung oder Geburtsorten zu tun, das wusste schon Lessing als er Recha, Nathans Tochter in seinem 1779 entstandene Drama „Nathan der Weise“ rhetorisch fragen lässt:

„… Und wie weiß

Man denn, für welchen Erdkloß man geboren,

Wenn man’s für den nicht ist, auf welchem man

Geboren?“


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