Wenn das Eigene für andere fremd ist – zu Besuch bei der Klasse 8c der Reinhold-Burger-Oberschule in

Eine 8. Klasse der Reinhold-Burger-Oberschule in Pankow plant ein Erzählcafé, in dem Menschen mit Migrationshintergrund ihre Geschichten erzählen sollen. Unsere Aktivistin Julia war zu Besuch und hat mit den Schülern und Schülerinnen über die Dreharbeiten zu „mensch.human“ gesprochen.

Der Pausenhof der Reinhold-Burger-Oberschule, morgens um 8 Uhr noch ganz leer (Foto: JB)

Punkt 8 Uhr geht es los: In Kleingruppen diskutieren und planen die Schüler und Schülerinnen der Klasse 8c der Reinhold-Burger-Oberschule ihr Erzählcafé. Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ aus dem sozialen Umfeld der Schüler_innen sollen zu ihren Erfahrungen in Deutschland, zu Ankommen und Fremdsein befragt werden. Das Ganze wird mit Kamera aufgenommen und soll am Ende auf der Schulwebsite veröffentlicht werden. Jede Gruppe hat eine spezielle Aufgabe, von Einverständniserklärungen über Fragekatalog, von der technischen Ausführung bis hin zu Namensschildern wird an alles gedacht. IBBIS e.V. ist eingeladen worden um über die Erfahrungen in den Dreharbeiten zu „mensch.human.“ zu sprechen und ein bisschen bei der Technik zu unterstützen.

In Berlin alles schon bekannt…

So ganz sicher ist sich die Klasse noch nicht über den Ablauf der Interviews, aber passende Kandidat_innen waren nicht schwer zu finden. Die Stadt Berlin steht für ein gelebtes Multikulti. Das Land etwa 80 000 Flüchtlinge aufgenommen (2015). Fast jede_r Dritte hat einen sogenannten Migrationshintergrund (Quelle: Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 2015). An der Reinhold-Burger-Schule haben etwa 20% der Schüler_innen einen Migrationshintergrund; in andern Schulen in anderen Stadtteilen sind es bis zu 97% (2017, Quelle: https://www.sekundarschulen-berlin.de/migrationshintergrund). Da ist nicht verwunderlich, dass die Themen Flucht und Migration bei den meisten Schüler_innen im eigenen und näheren sozialen Umkreis vielfach vertreten ist. Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ hat nur eine kleine Veränderung gebracht: Zwei Willkommensklassen sind nun auch an der Oberschule in Pankow angesiedelt. So viel anders ist das aber gar nicht, denn Menschen, deren Herkunft nicht Deutschland ist, die ein wenig anders heißen oder aussehen, das haben die Schüler_innen auch schon in ihrem eigenen Klassenzimmer. Deshalb fragen sich manche, was das Ganze eigentlich soll. Dass es Menschen gibt, die nicht in Deutschland geboren sind, aer hier leben, ist doch für alle klar. Oder?

Wenn das Bekannte für andere fremd ist

Berlin bleibt, was das angeht eine Ausnahme – nicht in jedem Teil Deutschland ist Zuwanderung so spürbar wie in der Hauptstadt und kaum irgendwo ist sie so selbstverständlich. Hier aufzuwachsen bedeutet zweifellos von Kindesbeinen an mit vielen verschiedenen Kulturen und Lebensweisen in Kontakt zu kommen. Für viele Menschen in Deutschland sieht die Lebensrealität jedoch anders aus: Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist oft sehr viel geringer, Begegnungen finden aufgrund von Segregation kaum statt. Zu Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung hat man vielleicht eher selten Kontakt und im Straßenbild fallen sie vielleicht kaum auf. Für all jene, denen die Sicht der Neuankommenden eher fremd ist, sind Zeugnisse der Erfahrungen und Lebenswelten von migrierten Menschen interessant und wichtig, um das Gegenüber besser zu verstehen und Vorurteile zu vermeiden. Dass das Eigene, Bekannte, nämlich die Migrationserfahrung, für andere Menschen interessant sein könnte, das ist den Schüler_innen in Pankow vielleicht noch nicht so bewusst.

Geschichte zum Anfassen, auch ihrem Namensgeber hat die Schule eine historisch Ausstellung gewidmet. Reinhold Burger hat sich u.a. die Thermoskanne patentieren lassen (Foto: JB).

Oral History im Klassenzimmer

Um so sinnvoller ist es, dass sich die Klasse damit auseinandersetzt und sich dem Thema kreativ nähern kann. Neben den interessanten Geschichten lernen sie, wie man sich Interviewfragen überlegt und was man bei Filmaufnahmen rechtlich beachten muss. Auch die Durchführung und Technik sind wichtig: Wie sieht der Hintergrund aus? Wo ist das beste Licht? Wie fokussiere ich richtig und wie schneide ich das Ganze? Fragen, mit denen sich die 8. Klasse nun erstmals intensiv auseinandersetzen muss. Projekte wie dieses vermitteln jungen Menschen nicht nur eine neue Sicht auf die Welt, sondern leiten sie auch zur Selbstreflexion an. Zudem kreieren die Schüler_innen mit ihren Interviews Momentaufnahmen einer Gegenwart und halten sie für die Zukunft fest. Das Konzept der Oral History, also Zeitzeugeninterviews, in denen Menschen von ihrer eigenen Vergangenheit sprechen, ist ein wichtiger Baustein um Geschichte nahbar zu machen. IBBIS e.V. konnte den Schüler_innen von eigenen Erfahrungen berichten und sie damit hoffentlich gut unterstützen. Neben den technischen Erklärungen über Kamerabedienung und Schneideprogramme, konnten wir auch über Interviewtechniken sprechen.

Tolles Projekt mit Potenzial!

Für eine Zukunft, in der Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ vollwertige Mitglieder unserer demokratischen Gesellschaft sind und jede_r seinen/ihren Platz in ihr finden kann – dafür arbeitet IBBIS e.V.. Es ist schön zu sehen, dass sich junge Menschen vielleicht schon gar nicht mehr so viele Gedanken darüber machen müssen – zumindest in Berlin-Pankow.

Alles in allem, ein super Projekt der Reinhold-Burger-Oberschule, das jungen Menschen sicher mehr auf ihren Lebensweg mitgibt als sie sich im Moment noch vorstellen können. Gerne mehr davon und IBBIS e.V. kommt selbstverständlich auch gerne wieder!

Wessen Interesse nun geweckt ist, schaut auch auf der Schulwebsite vorbei – wir machen das auf jeden Fall und wünschen der 8c und den Lehrer_innen weiterhin viel Spaß und Erfolg bei ihrem tollen Projekt. Wir freuen uns auf das Ergebnis!

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