Human Flow: Der Künstler Ai Wei Wei zeichnet Wege der Migration auf

November 17, 2017

Im Jahr 2015 reisten der chinesische Künstler Ai Wei Wei und sein Team in viele Länder dieser Erde, um die Phänomene von Flucht und Migration weltweit zu dokumentieren. Ihre Reise führte sie nach Bangladesch, Deutschland, Frankreich, Griechenland, in den Irak, nach Jordanien, Mexiko, in den Libanon und die Türkei, Palästina und die USA. Daraus entstanden ist ein Film, der die Gemüter spaltet, aber auch einer, der sehenswert ist.

 

Geflüchtete an der Jordanisch-Syrischen Grenze. HUMAN FLOW, Amazon Studios. Foto mit freundlicher Genehmigung von Amazon Studios.

 

Was Ai Wei Wei dokumentiert, sind die Gründe, die die Menschen zum Aufbruch bewegen; den Weg, den die Leute nehmen, um in andere Länder zu kommen; wie sie dort ankommen und aufgenommen werden und was ihnen dort fehlt. Letzteres wird immer wieder besonders deutlich. Mangel an allem – seien es Wasser, Essen, sanitäre Anlagen, medizinische Versorgung oder Schutz vor Hitze, Kälte, Nässe oder Übergriffen, sichere Überwegen, Mangel an überhaupt einem Dach über dem Kopf ­­– wird oft deutlich und von dem Film ungeschönt gezeigt. Allen, die sich schon länger mit den Themen Flucht und Migration befassen, wird der Film nicht viel Neues zeigen. Man kennt die Bilder von Lesbos und Lampedusa, von Idomeni und dem Irak. Gleichzeitig ist der Film so etwas wie eine Zusammenfassung, die nie einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und trotzdem Dimensionen eindrucksvoll visuell einfängt und erahnen lässt. Oft passiert das durch Luftaufnahmen, die zum Beispiel Camps in Idomeni und Jordanien vergleichbar werden lassen und die Unterschiede auf einen Blick deutlich machen. Menschen, die aus demselben Land vor denselben Gefahren fliehen, können Schicksale erwarten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die einen leben wie in einer organisierten Großstadt aus Zelten in Sand und Hitze, die anderen in katastrophal ungeordneten Zuständen mit nicht einmal wasserdichten Zelten in Matsch und Kälte. Und allen stellt sich die gleiche Frage: Wie wird es weitergehen?

 

Ai Wei Wei ist für diese Luftaufnahmen stark kritisiert worden. Sie sind ein Zeugnis seiner Suche nach Ästhetik in den widrigsten Umständen. Trotzdem bleiben sie ein Zeugnis dieser Umstände und trotz Vogelperspektive nah am Menschen. Ein Berg aus Schwimmwesten an der griechischen Küste beispielsweise leuchtet nicht nur bunt, sondern steht gleichsam symbolisch für so viele Einzelschicksale; so viel Trauer, so viel Hoffnung und so viel Angst. Kritisiert wurde Ai Wei Wei außerdem dafür, dass er selbst viel in dem Film zu sehen ist und das in Situationen, die teilweise belanglos anmuten. Er lässt sich die Haare schneiden, er schneidet Haare, er lässt sich Fotos von Haustieren zeigen, er hört zu, er filmt mit der Handykamera. Das wirkt in dem Film oft deplatziert. Gleichzeitig lässt es den Zuschauer und die Zuschauerin fühlen, dass er/sie auch eine Rolle in dem Film spielen. Das, was Ai Wei Wei in diesen Momenten macht, ist keine hohe Kunst, das können wir alle. Und wir müssen dafür nicht um die Welt reisen, sondern können auch den Leuten zuhören, die in unserer Gemeinde, unserer Stadt, eine Erfahrung von Menschlichkeit brauchen.

 

Mit regelmäßig eingeblendeten Zitaten aus der Presse nimmt er außerdem die Politik in die Verantwortung. Anhand der eingeblendeten Schlagzeilen wird deutlich, dass die Welt zuschaut, aber nicht unbedingt eingreift und dass anfangs hoch gehaltene Ideale mit der Zeit verblassen. Die Politik ist aber natürlich eine Sache, die wir, zumindest in Deutschland und seinen Landesparlamenten sowie der EU, beeinflussen können.

 

Zahlreiche Szenen des Films haben sich bei mir förmlich eingebrannt. Ganz besonders hängen geblieben ist jedoch eine besondere Zahl: 26. 26 Jahre dauert es im Durchschnitt, bis ein/e Geflüchtete/r wieder in die Heimat zurückkehren kann. 26 Jahre können eine schier unerträglich lange Zeit sein. Und das erst recht, wenn man sich unerwünscht fühlt.

 

Auf der offiziellen Website des Films sind Kinos aufgeführt, in denen der Film läuft. Er wird nur vom 16. November bis zum 22. November in deutschen Kinos zu sehen sein.

 

Vom Wie und Warum des Films erzählt Ai Wei Wei außerdem in einem Interview mit der Zeit. In einem Artikel der Deutschen Welle zum Film werden weitere Filme vorgestellt, die sich mit dem Thema Flucht auseinandersetzen. Natürlich möchte ich an dieser Stelle auch an den Film erinnern, den IBBIS-Mitglieder in Zusammenarbeit mit der Stiftung Partnerschaft mit Afrika und Geflüchteten in Bad Belzig gedreht haben. Den Film findet ihr hier auf unserer Website

 

Für IBBIS sind Filme ein ausgezeichnetes Mittel, um Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen. Deshalb arbeiten wir gerade an einem weiteren Filmprojekt. Meldet euch bei uns, wenn ihr euch daran beteiligen möchtet!

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