Schule – Ort der Integration oder des Rassismus?

May 24, 2017

 

Unser Aktivist Alex schaute mit Schüler_innen der 7. Klasse einer Heilbronner Werkrealschule unseren Film „mensch. human“. Seine Eindrücke erzählt er hier.

 

 

Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft. Dieser häufig verwendete Slogan trifft für das gesellschaftliche Zusammenleben auch zu. Erwachsene Geflüchtete finden es häufig schade, dass sie zu selten die Möglichkeit haben mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Für geflüchtete Jugendliche und Kinder bieten Schulen hingegen einen Ort, an dem sie tagtäglich mit Mitschüler_innen unterschiedlicher Herkünfte zusammenkommen können – oder auch müssen? Die Schule also als perfekte Institution der Integration; oder der Exklusion, des Mobbings und Rassismus?

 

Eine Klassenlehrerin trat mit dem Wunsch an uns heran, in ihrer 7. Klasse einer Werkrealschule in Heilbronn unseren Film zu zeigen und anschließend mit den Schüler_innen darüber zu diskutieren. Werkrealschulen in Baden-Württemberg bieten Schüler_innen die Möglichkeit, nach der 9. Klasse einen Haupt- oder nach der 10. ein Realschulabschluss zu absolvieren. Der Klasse wurde vor wenigen Monaten ein syrischer geflüchteter Schüler zugeteilt. Der Junge kam nur mit sehr wenigen Deutschkenntnissen in die Klasse. Er bekam weder die Chance einen Integrations- noch einen Sprachkurs, noch eine Übergangsklasse zu besuchen. Seine neuen Mitschüler_innen zählen nicht zur Bildungselite. Häufig müssen sie nach der letzten Stunde um 13 Uhr nach Hause, um für ihre Geschwister zu kochen und sich um sie zu kümmern. Für Hausaufgaben, geschweige denn politische oder kulturelle Bildung, bleibt außerhalb der Schule selten Zeit. Essentielles Wissen über die Lebensbedingungen in Krisen- und Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan oder Eritrea ist nicht vorhanden.

 

Es gibt also nicht nur sprachliche Verständigungsschwierigkeiten, sondern auch interkulturelle in jeder Hinsicht: viele Mitschüler_innen können die Situation des syrischen Jungen nicht verstehen. Er bekommt “leichtere“ Hausaufgaben auf, die eher darauf ausgelegt sind Deutsch zu lernen. Viele Mitschüler_innen sehen darin jedoch eine Ungerechtigkeit, da sie vermeintlich “schwerere“ Aufgaben machen müssen. Das Potential für Konflikte ist also gegeben.

 

Die Werkrealschule liegt in einem Außenbezirk Heilbronns und bietet mit etwas mehr als 300 Schüler_innen eigentlich gute Voraussetzungen für enge Betreuungsverhältnisse. So sind in der 7. Klasse auch nur 13 Schüler_innen. Sie empfingen mich herzlich und interessiert. Dem Film folgten sie mit großem Interesse. Während des Screenings merkte ich jedoch bereits, dass einige Schüler_innen nicht ganz mitkamen. Sie konnten die eindrücklichen Schilderungen der Protagonisten, konnten deren Lebensbedingungen in kriegszerfressenen oder autokratisch regierten Heimaten nicht nachvollziehen. Sie wissen zu wenig über andere Länder, um ansatzweise zu verstehen, was den Menschen widerfahren ist.

 

In der anschließenden Fragerunde machte sich dies auch bemerkbar. Viele stellten grundsätzliche Fragen wie „Weshalb kommen die her?“, „Was hat all das mit uns zu tun?“. Es ist wichtig, immer wieder zu betonen, dass die meisten Geflüchteten nicht in Deutschland, sondern in den umliegenden Ländern der Krisengebiete unterkommen. Natürlich haben die Konflikte der Welt auch viel mit uns zu tun. Schließlich gibt es nicht nur wirtschaftliche gegenseitige Abhängigkeiten, sondern auch konkretes militärisches Engagement der Bundeswehr wie aktuell in Syrien oder jahrelange in Afghanistan. Problematischere Kommentare wie „Warum sind alle Asylanten kriminell?“ kamen auch auf. Insbesondere bei den kritischen bis von Rassismus geprägten Fragen war zu merken, dass sie von äußeren Einflüssen geprägt waren. Die Schüler_innen benutzten für ihr Alter ungewöhnliche Begriffe, die an AfD- und PEGIDA-Parolen erinnerten. Ob sie die direkt aus den (“sozialen“) Medien oder von ihren Eltern übernahmen, vermag ich nicht zu sagen.

 

Andere Schüler_innen wiederum reagierten sehr empathisch. Sie wussten um die Schwierigkeiten Geflüchteter und zeigten Solidarität für ihre Situation. Bei einigen mag das Interesse daher gekommen sein, dass sie selbst Migrationsgeschichten haben und sich leichter in die Situation Geflüchteter in Deutschland einfühlen können. Solchen Kompetenzen sollte viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

 

Was muss sich sonst noch an Schulen ändern? Geflüchtete Schüler_innen müssen, wie es bereits in vielen Bundesländern geschieht, intensiv in Deutsch unterrichtet werden, bevor sie in Regelklassen überführt werden. Die anderen Schüler_innen bedürfen Angebote in der Schule, sodass sie die Problemlagen der Geflüchteten verstehen können. Dies kann beispielsweise durch eine wöchentliche Sozialkundestunde mit einem geflüchteten Lehrer gewährleistet werden. Darüber hinaus sollte die Schulung interkultureller Kompetenzen und die ganz praktische Anwendung interkultureller Fähigkeiten für alle Schüler_innen – Geflüchtete, wie deutsche mit und ohne Migrationsgeschichten – fester Bestandteil des Lehrplans sein und als Querschnittsaufgabe über Fächergrenzen hinaus betrachtet werden. Nicht zuletzt muss das schulische Leistungs- und Bewertungssystem überdacht werden. Der kompetitive Druck führt bei vielen Schüler_innen zu Neid auf Schwächere und andersrum. Weltoffene Schüler_innen bekommen kaum die Chance in ihren Sichtweisen bestärkt zu werden. Dabei sollten gerade in unserer Zeit Lehrer_innen die Möglichkeit haben, die wichtigsten Kompetenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu vermitteln: Empathie und Solidarität.

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