Braucht Integration eine Leitkultur?

Am 30.04. sorgte Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit einem Beitrag in der Bild am Sonntag über 10 Thesen zur Leitkultur in Deutschland für Aufregung. Zahlreiche Zeitungen haben sich dieses Beitrags angenommen und ihn mitunter scharf kritisiert. Als eine Initiative, die sich mit dem Thema Integration befasst, beschäftigen die Aussagen des Bundesinnenministers natürlich auch uns, denn die Frage ist doch: In welche Gesellschaft versuchen wir Schutzsuchende zu integrieren?

Auf der Seite des Bundesinnenministeriums werden die Thesen de Maizières als „Diskussionsbeitrag“ bezeichnet und ich nehme die Einladung zur Diskussion gerne an. Anfangen möchte ich schon bei der Bezeichnung „Leitkultur“. De Maizière ist sich der Tatsache bewusst, dass der Begriff schon in der Vergangenheit kritisch diskutiert wurde. Die von de Maizière verwendeten Worte „Leitkultur“ und „Verfassungspatriotismus“ sind Schlagworte, die maßgeblich schon vor 17 Jahren in der CDU umstritten waren, eingeführt von Jörg Schönbohm, Friedrich Merz und Heiner Geißler. „Verfassungspatriotismus“ meint hierbei, die Verfassung als Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu nehmen und die Berücksichtigung ihrer Grundsätze als Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft zu sehen. De Maizière – und damit ist er in der CDU nicht alleine – geht davon aus, dass es darüber hinaus eine „Leitkultur“ gibt, die uns von anderen Nationen unterscheidet und unsere Werte widerspiegelt. Diese „Leitkultur“ definiert er so:

„Ich finde den Begriff ‚Leitkultur‘ gut und möchte an ihm festhalten. Denn er hat zwei Wortbestandteile. Zunächst das Wort Kultur. Das zeigt, worum es geht, nämlich nicht um Rechtsregeln, sondern ungeschriebene Regeln unseres Zusammenlebens. Und das Wort ‚leiten‘ ist etwas anderes als vorschreiben oder verpflichten. Vielmehr geht es um das, was uns leitet, was uns wichtig ist, was Richtschnur ist. Eine solche Richtschnur des Zusammenlebens in Deutschland, das ist das, was ich unter Leitkultur fasse.“

Sicherlich kann man Kultur als „ungeschriebene Regeln unseres Zusammenlebens“ sehen und natürlich kann man versuchen, diese Regeln niederzuschreiben oder zu protokollieren. Jedoch ist fraglich, was dabei übersehen wird und das sind für mich zwei ganz entscheidende Punkte: der prozesshafte Charakter von Kultur und die Tatsache, dass Regeln keine Gesetze sind. Kulturen sind stetigem Wandel unterworfen, kennen keine politischen Landesgrenzen und können keine verlässlichen Aussagen über Individuen treffen. Als Kulturwissenschaftlerin lernt man ziemlich schnell, dass grundsätzlich in jeder Kultur alles vorhanden ist, nur vielleicht in unterschiedlicher Gewichtung. Deshalb kann das Verfassen von Regeln mehr eine Festigung von Stereotypen als eine verlässliche Beschreibung sein. Wenn ich BürgerInnen anderer Nationen treffe, kann ich nicht davon ausgehen, dass diese genau die Werte vertreten, die der jeweiligen Nation zugeschrieben oder von deren PolitikerInnen proklamiert werden. So ist auch „Deutschsein“ eine sehr individuelle Angelegenheit, über die niemand eine Deutungshoheit besitzt. Sicher hat man es einfacher, wenn man sich so verhält, wie es gemeinhin kulturell anerkannt wird. Man kann dann mit weniger Reibung und Widerstand durchs Leben gehen. Das, und das ist der zweite Punkt, bedeutet aber nicht, dass man dies auch tun müsste, denn kulturelle Regeln sind keine Gesetze. Ich habe in Deutschland die Freiheit, alles zu tun, was nicht gegen die Gesetze unserer demokratischen Verfassung verstößt – egal, ob ich deutsch bin und schon immer hier gelebt habe oder eben nicht.

Letzteres sagt auch Thomas de Maizière, doch ist er sich sicher, dass so keine Integration gelingen kann. Warum nur? Welche Erwartungen haben wir an Menschen, die nach Deutschland kommen? Könnte es nicht daran liegen, dass das Konzept einer Leitkultur eher dazu dient, Unterschiede statt Gemeinsamkeiten aufzuzeigen? Mal ganz davon abgesehen, dass ich de Maizières Thesen inhaltlich für Unsinn halte,* denke ich nicht, dass ein Propagieren vermeintlich deutscher Werte in Integrationskursen zu einer gelungenen Integration führen würde. Es mag vielleicht denen eine Stütze sein, die befürchten, ihre Identität aufgrund einer höheren Einwanderung zu verlieren oder ihre Werte bedroht sehen. Hier wäre es jedoch wichtig, nicht unter Deutschen die Werte unserer Leitkultur zu diskutieren, sondern mit Ankommenden über diese Ängste in den Dialog zu treten. Wer weiß, vielleicht stellen sich viele sogar als unbegründet heraus?

Einen solchen Dialog möchte IBBIS gerne möglich machen und wir sind überzeugt davon, dass eine Begegnung auf einer Grundlage von Toleranz, Offenheit und gegenseitigem Respekt am ehesten gelingen kann.

*Auch ich möchte nicht jedem die Hand geben, nach Deutschland Kommende müssen meines Erachtens keine heimatlichen Gefühle beim Anblick unserer Marktplätze entwickeln oder bei der Weltmeisterschaft über Deutschlandtore jubeln und Frauen sollten tragen dürfen, was sie wollen.

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