Angekommen? Und was jetzt? Deutschland als Einwanderungsland.

May 5, 2017

Bei vielen Geflüchteten und Migrant_innen wird schon nach kurzer Zeit behauptet, sie seien nun in Deutschland „angekommen“ oder man spricht davon, sie könnten sich auch noch nach Generation niemals als Deutsche fühlen. Dabei ist Deutschland seit Jahrhunderten ein Einwanderungsland. Angekommen, Integration, was bedeuten diese Begriffe eigentlich und was ist dafür notwendig?

 

 

Deutschland ist nicht erst seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015 ein Einwanderungsland. Erst seit 2015 sei Deutschland voll von neuen Gesichtern, Ausländer_innen, Flüchtlingen, behaupten viele. Entspricht das eigentlich der Realität? Eigentlich nein, Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland, geht man in der Geschichte noch weiter zurück, sogar seit Jahrhunderten und Jahrtausenden. Selbst die eigenernannten Biodeutschen sind vermutlich irgendwann auf das heutige Staatsgebiet eingewandert.

 

Bereits im deutschen Kaiserreich wurden in bestimmten Sparten die Arbeitnehmer_innen knapp. Mit dem Bedarf kamen innerhalb von kurzer Zeit über eine Million „Wanderarbeiter_innen“ nach Deutschland. Auch in den darauffolgenden Jahren, etwa während der großen Kriege, wurden Arbeitskräfte benötigt. Heute würde man all die zugewanderten Arbeiter_innen wohl abschätzig als sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen –  damals wie heute brauchte man sie dringend, um die deutsche Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Aber nicht nur freiwillige Einreisen sind belegbar.

 

Die Einwanderungsgeschichte Deutschlands ist mitunter auch eine dunkle: Bereits im ersten Weltkrieg begannen deutsche Unternehmen Zwangsarbeiter_innen zu rekrutieren. In der Zeit des Nationalsozialimus und des Zweiten Weltkrieges stieg ihre Zahl ins Unermessliche an: Expert_innen gehen von zehn bis zwölf Millionen aus, die unfreiwillig zur Arbeit in den deutschen Gebieten gezwungen wurden – alles, um die Kriegswirtschaft aufrechterhalten zu können. Aber nicht nur Zwangsarbeiter_innen, sondern auch Menschen, die vor den Umständen in ihrem Land fliehen mussten, kamen nach Deutschland. Sie flohen etwa vor der russischen Revolution oder Bürgerkriegen; häufig waren politische Entscheidungen Fluchtgründe, nicht wenige davon sind aus deutscher Politik erwachsen. Mehr als zehn Millionen Menschen mussten etwa nach den Versailler Verträgen und der sogenannten „Neuordnung Europas“ ihr Land zugunsten eines anderen verlassen – viele kamen so nach Deutschland. Andere wurden während des Nationalsozialismus zur Flucht gezwungen oder vertrieben oder verfolgt. Nach Ende des zweiten Weltkrieges mussten über zwölf Millionen Vertriebene und noch einmal so viele ehemalige Zwangsarbeiter_innen oder KZ-Häftlinge, sogenannte „Displaced Persons“, in Deutschland eine neue Heimat finden (alles gerne nachlesbar, etwa bei der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56355/migration-1871-1950).

 

Auch in der Zeit der Bundesrepublik sind weitreichende Ein- und Abwanderungsströme zu verzeichnen. Von den Russlanddeutschen über die türkischen Einwander_innen in den 1980er Jahren, von den Spätaussiedlern zu den Fluchtbewegungen der 1990er Jahre, hin zu Geflüchteten aus der ehemaligen DDR ins deutsche Westgebiet. Oftmals waren es wesentlich mehr Menschen als eine Million in zwei Jahren. Dies geschah bei geringerem Wohlstand, weniger Vorbereitung und größerer Überbevölkerung im Verglich zu heute. Ihre Gastgesellschaft empfing sie nicht immer freundlich. Der Aufschrei, der rechte Ruck, der nach 2015 durch Deutschland ging, ist nicht neu. Immer schon war man dem Fremden, Neuen, suspekt gegenübergestellt, immer schon sprach die Angst von einem Verlust der deutschen Identität aus dieser Feindschaft, eine Angst vor Statusverlust und Unbekanntem. Ein teilweise absolut verständliches Gefühl. Aber merken wir denn heute überhaupt noch etwas von den Einwanderungen? Ist Deutschland nun weniger „deutsch“?

 

Teilhabe – nein, danke! Eigentlich hat es doch immer geklappt. Die, die sich die Situation vor 2015 wieder wünschen, wünschen sich eigentlich eine Migrationsgesellschaft. Die haben und hatten wir schon immer. Trotzdem ist es wichtig, die Neuankommenden in unserer Gesellschaft einzubinden. Genau hier ist auch der Knackpunkt in der deutschen Migrationsgeschichte: Eingebunden wurden Migrant_innen und Geflüchtete nur sparsam, von Integration gar nicht zu sprechen und das betraf auch die als „deutsch“ konnotierten Einwander_innen. Daher kommen abstruse Ängste auf beiden Seiten, konnte man sich doch kaum in geschützten Räumen kennenlernen. Betrachtet man etwa die deutsch-deutsche Migrationsgeschichte, so ist vor und nach der Wende in der westdeutschen Gesellschaft eine große Diskussion und Besorgnis aufgrund der ostdeutschen Geflüchteten zu verzeichnen. Bis heute merkbar hält die Skepsis auf beiden Seiten, Ost und West, an. Der Mythos sogenannter „migrantischer Parallelgesellschaften“ entstand, Differenzen wurden nicht überbrückt, gegenseitiges Verständnis kaum gefördert. Genauso funktioniert es mit nicht-deutschen Einwanderer_innen.

 

Angekommen? Integration? Deutsch? Was ist das eigentlich? Eines der neuen Schlagworte, um eine solche Situation zu verhindern ist das Konzept der „Integration“. Andere fordern sogar eine sogenannte „Assimilation“. Was genau darunter verstanden wird, weiß keiner so genau. Heißt Integration, dass man Deutsche_r wird? Was ist überhaupt „deutsch“? Wenn ich die deutsche Sprache beherrsche, bin ich dann „deutsch“? Wenn ich eine Arbeit habe oder seit vielen Jahren hier lebe, bin ich dann „deutsch“? Wenn wir ehrlich sind, wird niemand von uns diese Frage wirklich beantworten können. Meine Vorstellung von „deutsch“-sein ist sicherlich eine andere, als die vieler anderer Deutscher – keines der sehr individuellen Bilder ist jedoch wahrer als das andere.

Wie kann man also Angst vor dem Verlust einer deutschen Identität haben, wenn überhaupt nicht klar ist, was eigentlich „richtig deutsch“ ist? Angst ist ein seltsames Gefühl, unberechenbar und widersinnig – doch auch begründbar. Was „deutsch“ ist, ist in einer ständigen gesellschaftlichen Aushandlung begriffen; so wird es über die deutsche Geschichte hinweg viele verschiedene Konzepte einer deutschen Identität gegeben haben. Schon Friedrich Nietzsche, einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen schrieb, es kennzeichne den Deutschen, dass er die Frage „Was ist deutsch?“ wohl niemals aussterben lasse. Vermutlich ist es also ganz einfach die ewig währende Aushandlung einer Identität, die richtig „deutsch“ ist. Veränderungen sind zunächst immer Unsicherheitsfaktoren. Dennoch wäre es falsch zu glauben, die deutsche Gesellschaft würden sich nicht verändern, wenn keine Flüchtenden oder Migrant_Innen mehr nach Deutschland kämen.

 

Nur, wer „richtig deutsch“ ist, darf auch bleiben? Einigen Umfragen zufolge scheinen einige Eigenschaften einen besonderen Stellenwert zu haben: Die Sprache zu können ist etwa wichtig, einen Arbeitsplatz zu haben und auch Teilhabe in Gesellschaft und Kultur. Ein spannendes Ergebnis, heißt das nicht im Umkehrschluss jede_r, der oder die Deutsch spricht, an der deutschen Gesellschaft teil und eine Arbeit hat, ist folglich „deutsch“. Die Frage ist nun, wie und ob man die Möglichkeiten dazu überhaupt bekommt und wer sie Einwander_innen zu Verfügung stellen muss. Aus Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten ist klar festzustellen, dass diese Möglichkeiten meist nicht gegeben werden. Arbeitserlaubnisse gibt es erst nach einer Anerkennung, die häufig Jahre auf sich warten lässt, hat man sie, werden Zeugnisse und Ausbildungen nicht anerkannt, auch der Spracherwerb ist schwierig, eine gesellschaftliche Teilhabe vor allem in ländlichen Gebieten fast ausgeschlossen. Interessant ist doch, dass vor allem diejenigen der Integration Steine in den Weg legen, die sie immer vehement fordern. Wie soll ich denn nun Deutsche_r werden, damit ich anerkannt, in der Gesellschaft aufgenommen, wenn ich gar nicht erst gelassen werde? Ein_e gut_e Einwander_in zu sein, bedeutet besonders deutsch zu sein, besonders integriert, besonders angepasst, so fordern es die Migrationsgegner_innen. Wenn Geflüchtete aber keine Arbeitserlaubnis bekommen, eine Wohnsitzauflage haben, kein Internet in den Heimen, keinen Kontakt zur Gesellschaft, keine Teilhabe, keine Deutschkurse gestellt bekommen – wie sollen sie dann das geforderte Ziel erreichen? Sollten nicht eigentlich diejenigen, die eine Assimilation fordern, diese durch entsprechende Angebote auch fördern? Interessanterweise enden hier die politischen Programme der Assimilationsbefürworter_innen.

 

Integration muss von zwei Seiten kommen. Aus meiner Sicht ist der Ansatz der Assimilation ein vollkommen überholter. So wie auch wir Deutschen individuelle Vorstellungen von „deutsch“ sein haben, so hat auch jede_r Zuwanderer_in seine/ihre eigene Identität – diese kann, darf und sollte natürlich auch mit der eigenen Geschichte und Herkunft verknüpft sein.  Das Konzept der Integration fördert ein einleben in die neue Gesellschaft ohne die eigene Identität völlig zu Gunsten einer anderen auflösen zu müssen. Ein Einleben und Kennenlernen der Gastgesellschaft ist jedoch nur möglich, wenn gesellschaftliche Teilhabe gegeben ist. Integration ist deshalb keine Forderung, die nur an die Neuankommenden gestellt werden darf. Auch die Aufnahmegesellschaft muss Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Integrationswille muss auf fruchtbaren gesellschaftlichen Boden fallen! Beherzigen wir diese Tatsache nicht, dann passiert genau das, vor dem uns die ewigen Unker immer gewarnt haben: Eine Trennung zwischen „uns“ und „denen“, zwischen Neuen und Alten, zwischen Ost und West und Süd und Nord. Und es sind und waren nicht die Geflüchteten, die den Krieg in Syrien, die Verletzung die Menschenrechte im Iran, die Verfolgung in Afghanistan, die Apartheitssysteme und Ungerechtigkeiten der Welt nach Deutschland geholt haben – sondern es werden wir selbst gewesen sein, die diesen Konflikten in unserer Gesellschaft einen Platz gegeben haben.  Der beste Weg dagegen vorzugehen, ist es eine offene, freie und achtsame Gesellschaft durch demokratische Teilhabe aller Menschen in dieser Gesellschaft zu fördern.

 

IBBIS schlägt Brücken. Wir bemühen uns deshalb nicht neue Gräben zu schaffen und Unterschiede aufzuzeigen, sondern Gemeinschaft(en) herzustellen, Diskussionen und Meinungsäußerungen anzuregen und Teilhabe aller zu fördern, damit wir gemeinsam in unserer alten und neuen Heimat demokratisch leben können.

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