Abgeschnitten von der Außenwelt

April 28, 2017

Wir alle nutzen das World Wide Web andauernd, es ist zu einem unauslöschlichen Teil unseres Lebens und unserer Kultur geworden, es lenkt ab, dient als Weiterbildungsort, zur Kommunikation, zur Pflege sozialer Kontakte – es ist einfach universell. Diese Möglichkeiten sollten auch Geflüchtete haben. Wie aber, wenn der Internetzugang fehlt?

 

 

Wir alle nutzen das World Wide Web andauernd, es ist zu einem unauslöschlichen Teil unseres Lebens geworden. Von etwas keine Ahnung? Google das mal. Auf Jobsuche? Schau dir doch die einschlägigen Websites an! Mit jemandem Kontakt aufnehmen. Email ist der neue Brief und Whatsapp die neue SMS. Der Zugang zum Internet ist essentiell geworden, „googlen“ inzwischen eine Kulturtechnik. Einen Internetzugang hat ja auch jede_r, wenn nicht kabellos, dann doch zumindest mit LAN, mobil, durch einen Hotspot oder eben vom Nachbarn. So selbstverständlich scheint das aber gar nicht zu sein. Ich jedenfalls stoße immer auf dasselbe Problem: Wieder einmal wollen wir uns auf den Weg in die Heime machen. Es ist Stau, die Autobahnvoll von Autos. In Kuhlowitz haben die Bewohner_innen extra für uns gekocht. Ich möchte Bescheid sagen, dass wir zu spät sind. Aber wie?

Wenn ich mit den Bewohner_innen in Kontakt treten möchte, muss ich Tage vorher schreiben und hoffen der/die Empfänger_In kommt irgendwann an einen WLAN Hotspot. Dieses Heim liegt sogar so weit außerhalb, dass es nicht einmal ein mobiles Netz gibt. Regelmäßiger Kontakt ist da fast unmöglich, ein schneller Anruf in einem Notfall undenkbar. Auch in den anderen mir bekannten Heimen im Landkreis Potsdam-Mittelmark gibt es keinen WLAN Zugang für die Heimbewohner_Innen, auch nicht wenn die Infrastruktur in den Heimen bereits geschaffen wurde. Die Betreibergesellschaften der Heime selbst und Bewohner_Innen fordern diesen seit Jahren, doch der Landkreis wehrt sich. Der Grund ist eine einfache bürokratische Regel: Der Landkreis kann nicht garantieren, in allen Heimen einen gleichwertigen Internetanschluss zu ermöglichen. Um Ungleichbehandlungen zu vermeiden, gibt es also in keinem Heim Internet – auch nicht in solchen, die nicht einmal auf mobiles Internet zurückgreifen können.

 

In Flüchtlingsunterkünften ist alles geregelt - von der Raumgröße, der Ausstattung bis eben hin zum Internet. Eine einfache Regel, die ich rational nachvollziehen kann. Problematisch wird es jedoch, wenn man den Integrationsaspekt miteinbezieht. Übergangswohnheime, das sagt schon der Name waren nie dazu gedacht, Menschen über einen längeren Zeitpunkt hinweg zu beherbergen. Viele Geflüchtete warten jedoch schon seit Jahren auf ihren Bescheid. Eine Zeit, in der es unbedingt notwendig wäre sie an die deutsche Gesellschaft heranzuführen. Dies mag für Heimbewohner, die in oder zumindest in der Nähe einer Stadt wohnen bereits geschehen sein; in den ländlichen Räumen jedoch herrschen hier große Defizite. Diese beginnen bereits bei Deutschkursen, die nur wenigen Geflüchteten zur Verfügung gestellt werden können, weil es einfach nicht genug Ehrenamtliche gibt, die solche Kurse zu Verfügung stellen können. Ähnlich ist es beim Zugang zu Web. Wenn ich schon am nächsten Supermarkt oder an der U-Bahn-Station einen funktionierenden WLAN-Hotspot habe, brauche ich vielleicht keinen Heimzugang. In ländlichen Gebieten jedoch ist die Situation gravierend anders: In Kuhlowitz beispielsweise ist, wie oben beschrieben, der Empfang so schlecht, dass überhaupt nicht telefoniert werden kann. Das nächste Internetcafé, genau eines, ist in Bad Belzig, viele Kilometer vom Heim entfernt, der nächste Supermarkt mit öffentlichem WLAN-Zugang auch. Meistens fehlt es schon an der Hardware. Kann ich von einem Flüchtling erwarten, wegen einer Nachfrage jeden Tag mehrere Kilometer zurückzulegen, damit er/sie mir auf WhatsApp antworten kann? Die Antwort ist: Ich muss es leider erwarten, denn der Landkreis erkennt die Notwendigkeit eines Anschlusses nach wie vor nicht an. Ohne Genehmigung allerdings, kann die Betreibergesellschaft das kleine rote Knöpfchen für WLAN nicht drücken. Nur ein Knopfdruck – darum geht es. Ein Kampf, der einem gegen Windmühlen gleicht.

 

Integration bedeutet auch Zugang zu Nachrichten, Medien und zeitgenössischen Technologien zu haben. Wie anders kann sonst die neue Gesellschaft entdeckt, die Sprache geübt und eine Lebensweise kennengelernt werden? Als Geflüchtete_r also keinen Zugang zum Internet zu haben, erschwert das Einleben in unserer Gesellschaft vehement. Wie sollen ohne PCs Bewerbungsunterlagen angefertigt werden? Wie soll man eine Ausbildungs- oder Praktikumsstelle finden? Wie finde ich einen Sprachkurs oder eine_n Anwält_in? Für sämtliche Lebensbereiche und Situationen der Geflüchteten ist ein Computer und der Zugang zum Internet absolut notwendig. Schließlich haben wir weder die Kapazitäten an Angestellten noch an Ehrenamtlichen, die diese Aufgaben für Geflüchtete übernehmen können – ganz im Gegenteil sollten Geflüchtete dazu befähigt werden diese selbst für sich zu übernehmen! Nur so werden sie ausreichend mit Kenntnissen ausgestattet, um sich in ihrem neuen Leben zurecht zu finden. Man könnte nun sagen, sobald jemand eine Anerkennung bekommt, kann er ja aus dem Heim ausziehen, sich seinen eignen Anschluss besorgen – vorher ist Integration sowieso nicht notwendig. Wirklich nicht?

 

In einem fremden Land abgeschnitten von der Außenwelt – na und? Stellt man sich selbst vor geflüchtet zu sein, das alte Leben, die Familie hinter sich gelassen zu haben, dann versteht man den Wunsch aller Heimbewohner_innen Kontakt zu ihrem alten Leben und ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Dieser ist jedoch meist nur über Skype möglich oder eben online über soziale Medien. In Heimen ohne Anschluss unmöglich. Viele der Bewohner_innen warten seit Jahren auf eine Anerkennung, haben nicht auch sie das Recht auf Kontakt? Wenn ich darüber nachdenke, für was ich eigentlich meinen Internetanschluss verwende gibt es eine klare Liste: Auf jeden Fall zum Arbeiten, aber vor allem auch zu meinem eigenen Amüsement, zur Ablenkung, zur Entspannung. Die meisten Geflüchtete dürfen nicht arbeiten, haben vielleicht auch keinen Deutschkurs, hier und da gibt es ein unbezahltes Praktikum für ein paar Wochen, dann geht’s wieder in den Alltag. Langeweile ist eines der Worte auf Deutsch, das schnell gelernt wird. Stellt man sich vor so abgeschnitten zu sein von der Außenwelt nur mit sich und den anderen Bewohner_innen, da wird der Wunsch nach einem Anschluss noch viel verständlicher.

 

Aber der Wunsch nach einem Internetanschluss ist nicht nur verständlich – es ist die Notwendigkeit, die überzeugt. Seit Jahrzehnten benutzen wir moderne Technologien, entwickeln sie weiter und machen sie für uns existenziell notwendig. Diese Entwicklung macht auch vor der Südhalbkugel oder ärmeren Regionen nicht halt. Geflüchteten die Möglichkeit zu geben, sich mit diesem Medium und unserer Kultur und Gesellschaft auf allen üblichen Kanälen auseinanderzusetzten, ist mehr als sinnvoll. Werden sie nicht anerkannt, nehmen sie diese Eindrücke und Fähigkeiten mit zurück in ihr Heimatland – eine bessere „Entwicklungshilfe“ und „Fluchtursachenbekämpfung“ gibt es nicht. Werden sie anerkannt, können sie – umso besser- schon mit dem Medium umgehen und sind damit etwa leichter in den Arbeitsmarkt integrierbar.

Teilhabe ja oder doch lieber nein? In der Debatte um die Neuankommenden in unserem Land, um Integration und Anpassung fallen immer wieder die üblichen Schlagwörter. Geflüchtete seien nun „angekommen“ und müssten sich nun „integrieren“ oder besser noch „assimilieren“. Aber wie kann man angekommen sein, wenn man nicht an der Gesellschaft aktiv teilhaben kann? Wie soll man sich integrieren, wenn man nicht die Voraussetzungen dafür bekommt? Ist man nicht besonders angepasst, wenn man sich so verhält, wie die Aufnahmegesellschaft auch? Solange wir Geflüchteten nicht die Möglichkeiten und Voraussetzungen geben, an unserer Gesellschaft teilzuhaben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn unser Integrationskonzept nicht aufgeht.

 

 

 

 

 

Aus diesem Grund kämpfen wir von IBBIS weiter für einen Internetzugang in Heimen. Vor einigen Wochen konnten wir gespendete PCs den Heimen Bad Belzig und Kuhlowitz zu Verfügung stellen – noch sind sie nur offline zu benutzen. Aber wir begreifen es als Anfang, als ersten Schritt in die richtige Richtung.

 

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