#Angekommen – IBBIS beim Integrationskongress der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin

 Am 6. und 7. März fand in Berlin der Internationale Integrationskongresses der Friedrich-Ebert-Stiftung statt, bei dem wir von IBBIS gemeinsam mit rund 1000 weiteren AkteurInnen aus Wissenschaft, Politik, von Verbänden und Teilnehmenden aus der Zivilgesellschaft über den Status Quo und aktuelle Herausforderungen der Migrations- und Integrationspolitik diskutiert haben.

 

 

 

„Ich versuche mich nur aus der Opferrolle, die man mir erst zuschrieb, dann vorwarf, zu emanzipieren. Ich versuche nur das Beste aus den schlechten Bedingungen zu machen, die mir geboten werden. Nur weil man Gott nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht existiert. Nur, weil man die Gravitation nicht sieht, heißt das nicht, dass wir alle abheben. Und nur, weil man Rassismus nicht sehen kann, heißt es nicht, dass er nicht existiert“, prononciert Sami El, ein Poet der Gruppe I’Slam, in seinem Text am Abend des ersten Konferenztages des Internationalen Integrationskongresses der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), an dem wir von IBBIS Anfang März in Berlin teilgenommen haben.

 

Seit 2015 sind so viele Menschen weltweit auf der Flucht, wie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Zweieinhalb Jahre nach Beginn dieser aktuellen Fluchtbewegungen möchte die FES im Dialog mit den verschiedensten Akteuren, die in den Bereichen Migration, Flucht und Integration tätig sind, ein umfassendes Bild dessen zeichnen, was war, ist und sein kann oder muss. Als Standortbestimmung der deutschen Integrationspolitik und wegweisende Inspirationsquelle soll der Integrationskongress, versehen mit dem Hashtag #Angekommen, dienen. Aber kann tatsächlich die Rede sein von „Angekommen“? „Solidarität und Abwehr, das sind zwei Seiten des derzeitigen gesellschaftlichen Diskurses zur Situation Geflüchteter in Deutschland“, charakterisiert Diplompsychologin Sybille Rothkegel im Rahmen eines Fachforums die kontemporären Zustände im Land. „Auf der einen Seite stehen strukturelle Diskriminierung, Asylrechtsverschärfungen, rassistische Angriffe, und das Erstarken ausländerfeindlicher Parteien. Auf der anderen Seite gibt es Solidarität, ehrenamtliches Engagement, große Nachfrage nach Schulungen und die deutlich wachsende Selbstorganisation geflüchteter Menschen“.

 

Die Debatten kreisen im Kern um die Frage, wie aus dem physischen Angekommen-Sein auch ein wahrhaft gefühltes Angekommen-Sein werden kann und versuchen sich dem ausgehend von den verschiedensten Disziplinen zu nähern. „Maybe it starts with understanding before accepting. […] We have to understand they might be different but they are also similar in the wide range of things. We should also understand our differences, love our differences, because they create who we are. From this step both parts can meet on a bridge“, philosophiert Narine Ali vom Projekt Multaka – Geflüchtete als Guides in Berliner Museen. Dr. Ulrike Kluge vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationserfahrung (BIM) sucht den Zugang über eine psychologische Perspektive als sie über die Gefahr zu einseitiger Fokussierung auf eine Opferidentität oder den Beitrag, den ungünstige Zustände und Verhältnisse im Ankunftsland für eine Manifestierung und Chronifizierung sich ausbildender Traumata leisten, spricht. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly spielt mit dem Gedanken an einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel: „Wir müssen glaube ich unseren Blick auf die Frage, was kann ein Mensch und was kann er nicht, weiten. […] Warum nicht auch nach Talenten forschen, die nicht arbeitsmarktrechtlich verwertbar sind, wo man nicht leben kann davon, wo man aber eine Gesellschaft beleben kann damit“. Eine sehr praxisorientiert und existentielle Sichtweise nimmt Dr. Dietmar Molthagen von der Abteilung Politischer Dialog des Forums Berlin ein, als er von der schwierigen Situation der Geflüchteten, die noch im Verfahren sind oder den Status der Duldung haben, spricht und konstatiert: „Das Glas ist dann nicht ganz voll, sondern eher etwas mehr als halb voll. Das ist tatsächlich ein Problem das ungelöst ist“.

 

Der Kongress startet mit einer Gesprächsrunde, zusammengesetzt aus FES-StipendiatInnen mit eigener oder familiärer Fluchterfahrung bzw. solchen, die aktiv als HelferIn tätig sind. Moderatorin Christine Watty, Redakteurin bei Deutschlandradio Kultur, fragt nach Erfahrungen des Ankommens in Deutschland und bittet den Vergleich zur heutigen Situation zu ziehen. Es hat sich viel verbessert – darüber herrscht Einigkeit in der Runde. Wie dies ein kürzlich Geflüchteter beurteilen würde, muss leider unbeantwortet bleiben, da keiner da ist.

 

In zahlreichen weiteren Gesprächsrunden, und spannenden, teilweise leider nur ein bisschen zu wenig kontrovers zusammengesetzten Panels sowie täglich 15 Fachforen werden Fragen nach dem Status Quo der deutschen Integrationspolitik und nach Perspektiven mit dem Fokus auf Integration und Teilhabe aufgeworfen und diskutiert. Die Fachforen decken die Themenbandbreite von Studien- und Arbeitsmöglichkeiten für Geflüchtete, über Integration durch Sport bis hin zur Situation traumatisierter Geflüchteter ab. Integrationsprozesse in Ostdeutschland werden mit solchen im Westen des Landes verglichen und auch Themen wie die Familie als Schlüssel zu gelingender Integration oder die Situation von LSBTIQ-Geflüchteten werden nicht ausgespart.

 

Mit der Entwicklung der Sicherheit wird ein Thema, das sich höchster medialer Aufmerksamkeit erfreut, aufgegriffen. Dieses Forum eröffnen Sebastian Hartmann, Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages, und der Berliner Polizeidirektor Gary Menzel. 23% der Deutschen fühlen sich sehr unsicher und sogar 32% unsicherer als vor zwei Jahren, so der der SPD-Abgeordnete. Diese Entwicklungen des diffusen Sicherheitsgefühls entsprechen definitiv nicht den tatsächlichen Entwicklungen bezüglich der öffentlichen Sicherheit in Deutschland. Obwohl Statistiken dies deutlich belegen, sind viele BürgerInnen dennoch tief beunruhigt. Die Verknüpfung verschiedener Statistiken ist oft hochproblematisch, so Gary Menzel. Und aus statistischen Daten ein Sicherheitsgefühl zu generieren ist sowieso sehr schwierig. Er thematisiert weitere wichtige Aspekte, wie die unterschiedliche Sozialisierung bezüglich der Institution Polizei bei Jugendlichen verschiedener Nationalitäten und die schwierige Doppelrolle, die die Polizei hinsichtlich Schutz auf der einen und Ausführung von Abschiebeurteilen auf der anderen Seite innehat. Sein Fazit wiederholt er immer wieder: wir haben eine Einwanderung von Armut, nicht von Kriminalität.

 

Am zweiten Kongresstag soll ganz gezielt über den Tellerrand geblickt werden; man sucht „globale Antworten“ und fragt nach Best-Practice-Beispielen aus traditionellen Einwanderungsländern wie Kanada, den Erfahrungen von Transitländern und bringt die Diskussion auf verschärfte Spaltungstendenzen in der Europäischen Union oder humanitäre Katastrophen an den EU-Außengrenzen. Hier kommt die Sprache auf Afghanistan. Ein Themenkomplex, der uns von IBBIS aktuell besonders beschäftigt und beunruhigt und über den sich oftmals viel zu sehr ausgeschwiegen wird. Catherine Wollard vom European Council on Refugees and Exiles (ECRE) findet deutliche Worte für die derzeitigen Entwicklungen und ihre Besorgnis: „We are highly concerned about the situation with returning people to Afghanistan. There have been a lot of attempts to classify parts of Afghanistan as safe and it’s very clear that most oft he country is not safe.“  In diesem Fall ist, laut Günter Burkhardt, Geschäftsführer von ProAsyl: „Erstmal […] die Politik gefragt. Aber das wäre mir zu einfach. Denn wir sehen ja was die einzelnen Ehren- und Hauptamtlichen tun. Sie schauen sich die Asylbescheide an. Wie oft wurde nicht gewürdigt, was der Flüchtling vorgetragen hat. […] Und das andere sind Abschiebungen nach Afghanistan. Hier ist überall, wo solche Abschiebungen stattfinden sollen, Widerstand. Zu recht. Und eine Folge davon ist, dass die Behörden, die Polizei, aber auf Veranlassung der Innenpolitiker, dazu übergehen, die Menschen in Nacht- und Nebelaktionen zu schnappen, sodass die Menschen im Gefängnis stecken bevor sie zum Anwalt gehen können. Das ist eine gefährliche Entwicklung, eine schlimme Entwicklung, aber es gibt im Moment in Deutschland auch eine enorme Gegenbewegung gegen diesen Rechtsruck“. 

 

Diese Wende in der Politik und wie es ist, diesem Wechselbad der Gefühle, im Kontext einer Entscheidung, die existentieller nicht sein könnte, ausgesetzt zu sein, können wir von IBBIS zwar kaum nachfühlen, jedoch durften und dürfen wir immer wieder Eindrücke davon erhalten, wenn Geflüchtete ihre Gefühle mit uns teilen: „Kein Afghane kam aus Vergnügen hierher“, erzählte uns Ainjudin Shari im Rahmen unseres Kurzfilmprojekts. „Es war das unerträgliche Leid, dass die Menschen gezwungen hat, hierher zu kommen. Nun spielt die deutsche Regierung mit uns ein Spiel, das heißt: Einmal hören wir im Radio, die Anträge der Afghanen werden bewilligt und niemand wird abgeschoben, aber morgen wirst du genau das Gegenteil hören und wenn du am nächsten Tag einschaltest, wirst du wieder etwas ganz Anderes hören. […] Warum wird niemand akzeptiert? Heute sind es genau 30 Jahre, in denen in Afghanistan Krieg ist.“ Angekommen-Sein? Integration unter solchen Bedingungen? „Extrem schwierig“, findet Günter Burkhardt von Pro-Asyl. Aber „wir haben eine enorme Unterstützung in der Zivilgesellschaft […] Die ist großartig“.

 

Aufgegriffen wird auch immer wieder das von einer ExpertInnen-Kommission der FES entwickelte Leitbild, die Agenda für die Einwanderungsgesellschaft „Miteinander in Vielfalt“. Hier wird beispielsweise Deutschland klar als Einwanderungsland definiert, Teilhabechancen als zentrales Gerechtigkeitskriterium identifiziert, das Grundgesetz als Basis konstatiert und die Entstehung von Gemeinsamkeiten im Zusammenleben durchgespielt. Diese Ideen mit Geflüchteten, Zugewanderten und deutschen BürgerInnen zu diskutieren, muss nun der nächste bereichernde Schritt, zu dem wir als IBBIS gerne einen Beitrag leisten würden.

 

Ein Kongress, der eine große Bandbreite an Schlüsselthemen der Integration anschneidet, von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und Verknüpfungen zwischen politischen Prozessen und systemischen Rahmenbedingungen sowie emotionalen und psychischen Entwicklungen im Geflüchteten, Zugewanderten und Deutschen als Mensch schafft. Ein Kongress aber auch, in dem wir uns gewünscht hätten, dass Geflüchtete selbst noch mehr die Chance bekommen hätten, zu Wort zu kommen. „Wir müssen mit und nicht über Geflüchtete sprechen“, gibt unsere IBBIS-Aktivistin Julia im Fachforum „Deutschlandbild im Wandel – der öffentliche Diskurs über Geflüchtete und Flüchtlingspolitik“ zu Bedenken. Dies wäre wohl ein großer Schritt in der Entwicklung zu einer wahrhaft inklusiven Gesellschaft.

 

Ulrich Maly skizziert seine Utopie einer integrativen Gesellschaft mittels eines im ersten Moment humoristisch anmutenden Beispiels: „Integration ist dann, wenn zwei Familien sich streiten können, wer den Mülltonnendeckel nicht zugemacht hat, und das eine ist eine Flüchtlingsfamilie und das andere eine deutsche. Dann haben wir's geschafft. Erstens können sie gut genug deutsch um sich zu streiten. Zweitens haben sie eine Wohnung gefunden in einem gemischten Quartier und drittens haben sie das deutsche Abfallwirtschaftssystem verstanden und dann ist man integriert.“   

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und damit verbunden auch die Frage, ob das deutsche Abfallwirtschaftssystem in seiner derzeitigen Form optimal ist. Man könnte ja mal eine/n Geflüchtete/n befragen, wie er oder sie das so einschätzt.

 

 

 

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